Die fast 2000 Jahre alte römische Bibliothek im Westen der heutigen Türkei

Dank restaurierter Fassade eine der am besten erhaltenen römischen Bibliotheken

Die Celsus-Bibliothek ist eine antike, öffentliche Bibliothek in Ephesus, Anatolien, heute Teil von Selçuk, Türkei. Das Gebäude wurde in den 110er Jahren n. Chr. von dem Konsul, Gaius Julius Aquila, als Grabdenkmal für seinen Vater, den ehemaligen asiatischen Prokonsul Tiberius Julius Celsus Polemaeanus, in Auftrag gegeben und während der Herrschaft Hadrians, einige Zeit nach Aquilas Tod, fertiggestellt. Die Bibliothek gilt als architektonisches Wunderwerk und ist eine der wenigen erhaltenen Bibliotheken aus dem Römischen Reich.

Kurze Übersicht

Adresse:

Acarlar, Meryem Ana Yolu No:15, 35920 Selçuk/İzmir, Türkei

Baujahr:

ab 110 v. Chr.

Bauart:

Bibliothek

Besonderheit:

Eine der wenigen, erhaltenen römischen Bibliotheken.

Eintritt:

ca. 10,16 Euro

Römisch Bibliotheken dienten als Reichsarchive, Heiligtümer für heilige Schriften und Depots für Literatur und Chroniken. Bibliotheken wurden von verschiedenen Kaisern im ganzen Reich eingerichtet und waren oft Bestandteil übergeordneter Baukomplexe (Forum, Tempel, Thermen). Die Bibliotheken in Rom wiesen häufig eine räumliche Trennung von lateinischer und griechischer Literatur auf.

Sehenswertes

Die nach Osten gerichtete Marmorfassade der Bibliothek ist aufwendig mit botanischen Schnitzereien und Porträtstatuen verziert. Zu den Gestaltungsmerkmalen gehören Akanthusblätter, Schriftrollen und Fasanenembleme, wobei letztere ein Symbol für die Macht des Magistrats sind, das auf Celsus‚ Amtszeit als Konsul anspielt.

Die Bibliothek wurde auf einem Podest gebaut, wobei neun Stufen, mit der vollen Breite des Gebäudes, zu den drei Vordereingängen führen. Diese werden von großen Fenstern überragt, die mit Glas oder Gittern versehen gewesen sein könnten.

Die Eingänge werden von vier Säulenpaaren, die auf Sockeln stehen, flankiert.

Ein Satz korinthischer Säulen steht direkt darüber. Die Säulen auf der unteren Ebene umrahmen vier Ädikulae mit Statuen weiblicher Tugendpersonifikationen: Sophia (Weisheit), Episteme (Wissen), Ennoia (Intelligenz) und Arete (Vortrefflichkeit).

Diese Tugenden spielen auf den doppelten Zweck des Bauwerks an, das gebaut wurde, um sowohl als Bibliothek, als auch als Mausoleum zu fungieren; die Statuen implizieren, dass der Mann, für den die Bibliothek gebaut wurde, diese vier Tugenden veranschaulicht hat und, dass der Besucher diese Tugenden in sich selbst kultivieren kann, indem er sich die Bestände der Bibliothek zunutze macht.

Diese Art von Fassade mit eingelassenen Rahmen und Nischen für Statuen ähnelt der Skene, die in antiken griechischen Theatern gefunden wurde, und wird daher als „szenografisch“ bezeichnet.

Die Säulen auf der zweiten Ebene flankieren vier Podien, parallel zu den Ädikuläen darunter, die Statuen des Celsus und seines Sohnes enthielten. Zusätzlich gab es in der Antike womöglich noch ein drittes Säulenregister; hiervon ist heute jedoch nichts mehr erhalten.

Die Bibliothek des Celsus war die drittgrößte Bibliothek in der römischen Welt, nach Alexandria und Pergamon, von der man annimmt, dass sie etwa zwölftausend Schriftrollen enthielt.

Der Innenbereich der Bibliothek, der bisher nicht restauriert wurde, bestand aus einem einzigen rechteckigen Raum von ca. 17×11 m, mit zentraler Apsis, die an der hinteren Wand von einem großen Bogen eingerahmt wurde. In der Apsis befand sich ein Podium für eine heute verschollene Statue, die wahrscheinlich Celsus selbst oder Minerva, die Göttin der Weisheit, darstellte.

Unter dem Boden der Apsis befand sich die Krypta, mit dem Sarkophag des Celsus. In der römischen Kultur war es ungewöhnlich, dass jemand innerhalb einer Bibliothek oder überhaupt innerhalb der Stadtgrenzen begraben wurde, so dass dies für Celsus eine besondere Ehrerbietung zeigte, die seine herausragende Rolle als römischer Beamter widerspiegelt.

Die drei verbleibenden Mauern waren auf zwei oder drei Ebenen mit Nischen von durchschnittlich 2,55 x 1,1 x 0,58 m ausgekleidet, in denen die Armarien zur Aufnahme der Schriftrollen Platz gefunden haben. Diese Nischen, die mit doppelten Wänden versehen waren, wurden möglicherweise auch genutzt, um die Feuchtigkeit zu kontrollieren und die Schriftrollen vor den extremen Temperaturen zu schützen.

Das obere Stockwerk war eine Galerie mit Balkon, von dem aus man das Hauptgeschoss überblicken konnte..; das erzeugt im Inneren eine erhabene Raumwirkung. Über eine in die Wand eingelassene Treppe, die auch als konstruktive Stütze diente, konnte man das Obergeschoss erreichen.

Die Fassade des Gebäudes war auf der Rückseite der türkischen 20-Millionen-Lire-Banknote der Jahre 2001-2005 und der 20 neuen Lire-Banknote der Jahre 2005-2009 abgebildet.

Historie

Celsus genoss eine erfolgreiche militärische und politische Karriere, da er als Feldherr in der römischen Armee gedient hatte, bevor er 92 n. Chr. zum Konsul in Rom gewählt wurde. Celsus, gebürtig aus Sardes, war einer der ersten Männer aus den griechischsprachigen, östlichen Provinzen, der als Konsul diente, dem höchsten gewählten Amt im kaiserlichen Rom.

Später wurde er zum Prokonsul (Gouverneur) von Asia ernannt, der römischen Provinz, die ungefähr dem Gebiet der heutigen Türkei entspricht. Sein Sohn Aquila gab die Bibliothek ihm zu Ehren in Auftrag, obwohl sie erst nach Aquilas Tod fertiggestellt wurde. Eine Inschrift besagt, dass Celsus einen großen Nachlass von 25.000 Denar hinterlassen hat, um die Schriftrollen der Bibliothek zu bezahlen.

Von ihrer Fertigstellung um 117-135 n. Chr. war die Biblithek bis 262 n. Chr. ein für alle Bürger öffentlich zugängliches Gebäude.

Das Hauptgeschoss fungierte als Lesesaal, der von den Ostfenstern aus mit reichlich natürlichem Licht erhellt wurde. In den Nischen entlang der Wände befanden sich Regale oder Armarien mit

Papyrus-buchrollen, die von den Besuchern gelesen werden konnten. Ander als in modernen Bibliotheken konnten die Schriften, aufgrund des ernormen  Kopieraufwands, allerdings nicht ausgeliehen werden.

Möglicherweise wurden zusätzliche Schriftrollen in freistehenden Buchkästen aufbewahrt, die im Raum verteilt aufgestellt waren; in diesem Fall hätte die Bibliothek ein Fassungsvermögen von bis zu sechzehntausend Schriftrollen gehabt.

Der Innenraum und dessen Inhalt wurden durch einen Brand im Jahre 262 n. Chr. zerstört. Es ist jedoch nicht klar, ob der Brand die Folge  einer Naturkatastrophe oder einer gotischen Invasion war, da die Stadt in diesem Jahr vermutlich von Beidem heimgesucht wurde.

Nur die Fassade überstand, bis ein Erdbeben im elften oder zehnten Jahrhundert auch sie zerstörte und in Trümmern hinterließ.

Zwischen 1970 und 1978 wurde eine Rekonstruktionskampagne von dem deutschen Archäologen Volker Michael Strocka geleitet. Strocka analysierte die Fragmente, die zwischen 1903 und 1904 von österreichischen Archäologen geborgen worden waren.

In der Zwischenzeit waren jedoch bereits einige der architektonischen Elemente von den Museen in Wien und Istanbul erworben worden. Diese fehlenden Fragmente mussten durch neu erstellte Kopien ersetzt werden oder fehlen, vor Ort, nun komplett. Nur die Fassade der Bibliothek wurde wieder aufgebaut und kann heute besichtigt werden.